Kennst du diese Momente, in denen etwas passiert und das Leben einfach weiterläuft.
Der Moment ist vorbei, aber dein Kopf bleibt dort stehen.

Ich sehe viel.
Ich sehe es, ohne es steuern zu können.
Ich sehe dich.

Ich sehe dich.
Den Mann, der seine Rente damit aufbessert, zweimal pro Woche Werbeprospekte auszutragen.
Bei Regen.
Bei Sturm.
Bei Hitze, die auf den Asphalt drückt
Doch nie beschwerst du dich.

Ich sehe dich.
Die verzweifelte Mutter mit dem quengelnden Kind auf dem Arm.
Deine Geduld ist sichtbar dünn.
Die Blicke um dich herum sind hart.

Ich sehe dich.
Den Müllmann, der von allen angerannzt wird.
Mein Lächeln trifft dich unerwartet.
Dein kurzer Blick sagt mehr als Worte.

Ich sehe dich.
Die Mutter mit müden Augen.
Du erklärst zum fünften Mal, warum es jetzt kein fünftes Eis gibt.
Du erklärst ruhig.
Deine Kraft ist fast aufgebraucht.

Ich sehe dich.
Mutter eines sogenannten „auffälligen“ Kindes.
Du machst dir Sorgen.
Du suchst nach richtigen Reaktionen.
Du findest keine sicheren Antworten.

Ich sehe dich.
Den alten Mann mit ungepflegter Kleidung.
Du warst einmal Professor.
Heute nimmt dich niemand mehr ernst.
Du verschwindest langsam im Alltag der anderen.

Ich sehe dich.
Die Nachbarin, die seit Monaten nicht mehr lacht.
Du nickst nur kurz zur Begrüßung.
Dann verschwindest dann schnell wieder im Haus.
Als würdesr du dich verstecken.

Ich sehe dich.
Den Leiharbeiter auf dem Fahrrad.
Du fährst weite Strecken durch Felder.
Jeden Morgen.
Jeden Abend.

Ich sehe all diese Menschen.
Ich spüre dabei meine eigene Sicherheit.
Der Unterschied ist deutlich.

Ich sehe dich.
Den freundlichen alten Mann, der in der Innenstadt singt.
Die meisten gehen vorbei.
Ich bleibe stehen.

Ich sehe dich.
Du junger talentierster Straßenmusiker mit rauer Stimme.
Du lächelst jedes Mal, wenn meine Tochter lächelt.
Sie bewegt sich im Takt deiner Musik.

Ich sehe dich.
Den Vater mit dem Blick voller Überforderung.
Dein Kind spricht.
Dein Chef ruft an.
Eine Nachricht von deiner Partnerin erscheint.
Du weißt nicht, wohin zuerst.

Ich sehe dich.
Deine innere Zerrissenheit liegt offen.

Ich sehe dich.
Die Mutter, die jeden Morgen kilometerweit läuft.
Egal ob bei Regen oder Sonne.
Der Schulweg ist zu weit für kleine Beine.
Zu kurz für eine bezahlte Schulfahrkarte.
Zu teuer für dein Portemonnaie.

Ich sehe dich.
Ich sehe dich.

Und ich möchte dir einen Satz sagen.
Du bist gesehen.